Laufen


Laufen als Therapie

Über körperliche und seelische Prozesse beim Laufen. Im Gespräch mit Reinhard Dölle.

F: Herr Dölle, Sie führen seit vielen Jahren eine psychotherapeutische Praxis in Braunschweig und bieten gruppentherapeutische Seminare an zu dem Thema »Jogging für die Seele«. Welche persönlichen Erlebnisse führten dazu, dass Sie heute Joggen mit Ihrer therapeutischen Arbeit verbinden?

Als Kind musste ich vier Jahre lang wegen beidseitiger Hüftdysplasie (geburtsbedingte Fehlstellung des Oberschenkelknochens im Becken) einen Becken-Bein-Gips tragen. Meine körperlichen Bewegungsmöglichkeiten und sozialen Kontakte waren dadurch sehr eingeschränkt. In vielen Bereichen fühlte ich mich Gleichaltrigen gegenüber minderwertig und baute einen »seelischen Gips« um mich herum auf: Mit 15 Jahren konnte ich diesen Gips endlich aufbrechen. Bei einem Schulsportfest lief ich die 1000-Meter-Strecke und war zum ersten mal der Beste. Es folgten 13 Jahre Leistungssport im Mittel- und Langstreckenbereich, in denen ich meine körperlich-seelische Belastbarkeit immer mehr erweiterte, die Grenzen auslotete, aber auch überzog. Ich wurde allmählich immer sensibler für die Signale meines Körpers, ein Dialog mit meiner Körpersprache setzte ein.

Neben dem harten, leistungsbezogenen Training spürte ich ein inneres Bedürfnis nach Einfachheit, Leichtigkeit und Spielerischem in der Bewegung. Ich begann mit freiem Tanz, Kontaktimprovisation und Eutonie und war überrascht über die Lust, die ich dabei erlebte. Meine bisherige stumpfsinnige Asphalttreterei zur Erfüllung von Trainingsumfängen bekam einen Dämpfer angesichts des Spaßes, den ich in der ganz anderen Atmosphäre tanzender Körperzuwendung empfand. Nach Veränderung der Trainingsquantität in Trainingsqualität (weniger Umfang zugunsten mehr Tempovariationen) und bewussterem Erspüren meines Laufrhythmus’ steigerte ich meine Bestzeiten noch einmal. Im Einklang von Psyche und Körper konnte ich ein Energiefeld entwickeln, das weit über die bisherige Belastungsgrenze hinausging. Ich entwickelte ein Bewusstsein für die optimale Gestaltung meines Körpertonus, der mir eine fließende Kraft und Richtung nach vorne gibt.

F: Wann und wo haben Sie dann die Lauftherapie kennen gelernt?

Während meines Psychologiestudiums interessierte mich besonders die Sportpsychologie. In den USA erlebte ich die Verflechtung seelisch-körperlicher Prozesse außergewöhnlich eindrücklich. Statt über Worte, Analyse oder Instruktionen von außen aus der Erstarrung und Lähmung herauszufinden – wie ich es gelernt hatte -, wurde der sich von innen heraus ergebende seelisch-körperliche Bewegungsfluss als Fährte aufgegriffen, um Blockaden zu lösen. Dabei lag der Schwerpunkt in der Beobachtung der Stärken und nicht der Schwächen.

1986 lernte ich in verschiedenen Institutionen, in denen Menschen mit unterschiedlicher Symptomatik behandelt wurden, die Lauftherapie kennen. Auf spielerische Art und Weise wurde bei den Klienten der über die Jahre fest geformte, individuelle Körperausdruck und die im Körper verankerten, festsitzenden leib-seelischen Strukturen durch das Laufen wieder in Bewegung gebracht. Nicht Wiederanpassung an die Norm (Defizitpsychologie) oder Leistung interessierte, sondern Wiederbelebung eigener Besonderheiten und Ressourcen (Optimierungspsychologie). Nicht Korrektur und schnelles Ausmerzen von Fehlern oder Schwächen war wichtig, sondern das Empfinden und Differenzieren der eigenen »Verrücktheiten«, denen ihr Lauf gelassen wurde, ohne sie zu werten. Indem sie »herausgelaufen« und begrüßt wurden, verloren sie ihre Ursprungsdynamik eines verpanzerten Schattendaseins. Es war eine Ermutigung, sich der ureigenen »Lebens-Bewegung« zu überlassen, sich auch psychisch wieder auf den Weg zu machen. Ein guter Ausgangspunkt, wieder mehr Verantwortung für das Risiko der Eigenbewegung für sein Leben zu übernehmen.

Sie haben in Ihren lauftherapeutischen Gruppen auch Erfahrung mit suizidgefährdeten Klienten. Was kann Bewegung und Laufen bei ihnen bewirken?

Bei selbstmordgefährdeten Klienten wandelte bereits die Entscheidung zu laufen die Todessehnsucht in Lebenssehnsucht um. Eine Richtungsänderung der eigenen »absterbenden« Lebensspirale aus der Lebensschwere heraus in die Erfahrung einer als befreiend erlebten Fortbewegung ließ bei ihnen meistens den Zweifel am Lebenssinn schwinden. Ihre Bewegungen und ihre Blickrichtung bekamen wieder eine energetische Ausrichtung nach vorne (nicht mehr nur zurück!). Die verengte Lebensschleife, die immer weniger »Lebensatem« zuließ, wurde wieder geöffnet.

Im gruppentherapeutischen Setting kam das gemeinsame Erleben hinzu, insbesondere mit dem Therapeuten an seiner Seite laufend, nicht mehr allein zu sein, sondern mit einem anderen Menschen in der Bewegung fließender zu werden, den pulsierenden Körper zu spüren, sich wieder neu und anders auszuprobieren. Für mich persönlich war es eine entscheidende Erfahrung, zu spüren, dass ich mich lebendig fühle, wenn ich mich (fort)bewege und mich von einem Laufrhythmus tragen lasse, der wie mein Atem einfach geschieht. In der Gruppenarbeit ist diese Dynamik allgegenwärtig. Die Gruppenteilnehmer erfuhren, wie sie sich in ihren eigenen Körper ”hineinspüren”. Im Laufen finden sie ihren ureigenen inneren Rhythmus wieder und entwickeln ein Bewusstsein für den Augenblick des Auftretens und der Loslösung vom (Mutter)Boden. Und das geschieht in zweierlei Hinsicht: Zum einen ähnlich einer Geburtsbewegung als Abstoßen ins Eigene, Momentane, heraus aus Verstrickungen und Hemmungen der Vergangenheit; zum anderen erleben sie sich als ein Wesen, das jeden Impuls empfängt und lieben lernt. Den verlorenen Kontakt zum eigenen Selbst und zum »tragenden Boden«, den ich im therapeutischen Gespräch über Worte nur sehr schwer herstellen kann, finde ich beim gemeinsamen Laufen über die innere und äußere Bewegung und den unmittelbaren Bodenkontakt.

Mich selbst berührt in der Begleitung gefährdeter Menschen vor allem die Einfachheit, Ursprünglichkeit und befreiende, zunächst heimliche, dann lauter und kraftvoller werdende Dramatik eines Lebensstaus oder Lebensschmerzes, der von innen heraus in Bewegung kommt und das Traumatische in Liebe zum gerade »Laufenden« wandelt. Diese ursprüngliche Lebenskraft, die wie aus dem Nichts heraus plötzlich spürbar wird und sich leicht wie ein Zauber ereignet, fasziniert mich. Sie war für mich der Anlass, den Weg zurück zur unverbildeten und »unverzogenen« Bewegungs- und Ausdrucksdynamik, zur kindlichen Wachheit und sinnlichen Präsenz zu suchen. Im Tanz und in der Eutonie, später in der humanistisch geprägten Tiefenpsychologie nach Peter Schellenbaum fand ich diese Zusammenhänge erneut bestätigt. Zur Zeit lerne ich diesbezüglich am meisten von meinem Sohn, der mir in seiner Unmittelbarkeit, Direktheit und Daseinsfreude Verbündeter und unverbildeter Lehrer ist.

Was geschieht bei dieser Art des therapeutischen Laufens im Innern des Läufers, wie verändert sich seine Wahrnehmung?

Beim therapeutischen Laufen richte ich meine Aufmerksamkeit besonders nach innen, während »es« läuft. Die Lenkung der Aufmerksamkeit auf den inneren Zustand des Körpers und seine Somatik ist schon der Beginn des Selbstheilungsprozesses. Während ich langsam lerne, meinen eigenen Rhythmus zu finden, also nicht »zweckorientiert« laufe, werde ich immer wacher für mich selbst, für das Zusammenspiel der polaren Kräfte meiner Arme und Beine und für feinste Veränderungen. So kann ich spüren, wo ich mich eng oder belastet oder gestaut fühle. Um an diesen Stellen wieder freier zu werden, verändere ich Rhythmus und Tempo, probiere Variationen in der Laufbewegung der Arme und Beine, meiner Laufhaltung oder in meinem Krafteinsatz aus. Auf diese Weise finde ich zu der Bewegungsform, die mir gerade am meisten entspricht und mich wieder fließender werden lässt.

Wie wirkt sich das Laufen auf das innere Erleben aus?

Im »Los- und Laufenlassen« können sich eventuelle uralte, unbewusste im Körper- bzw. Leibgedächtnis gespeicherte und festsitzende Traumata oder andere seelische Verletzungen beginnen zu bewegen, sie können wieder belebt und gespürt werden. Es setzt ein Transformationsprozess ein. Körperlich verankerte traumatische Inhalte können befreit werden und finden zur fließenden Lebendigkeit zurück. Psychische Verletzungen melden sich vorsichtig oder brechen auf. Plötzlich können Bilder oder Erinnerungen auftauchen, in die ich hinein- oder aus denen ich herauslaufe. Sie können im späteren therapeutischen Gruppenprozess bearbeitet werden. Da ich mich jetzt in einer anderen Lebenssituation bewege, habe ich die Freiheit, mit den alten, überholten Lebensmustern zu brechen – eine große Chance, das Unerledigte abzuschließen.

Kennzeichen eines Traumas ist ja, dass ich zu dem Zeitpunkt, in dem ich es erlebe, keine Möglichkeit habe, zu handeln oder zu reagieren. Die Folge ist eine innere Lähmung, um die Geschehnisse zu verdrängen. Eine tiefsitzende Starre bleibt. Mein Körper macht mich auf diesen Punkt der Erstarrung aufmerksam. Das geschulte Auge des Lauftherapeuten kann wahrnehmen, wo der Energiefluss gestaut, gebremst oder unterbrochen ist. Als Therapeut bin ich für den Läufer direkter Spiegel, Mitfühlender, Verbündeter oder Konfrontierender in unmittelbarer Resonanz.

Was für eine Rolle spielt die Körperhaltung beim Laufen, kann man von der Körperhaltung eines Läufers Rückschlüsse auf bestimmte biographische Grundthemen ziehen?

Viele Läufer versuchen z.B., wie mit gestutzten, an den Körper gehaltenen »Arm-Flügeln« vom Fleck zu kommen. Erst wenn sie sich selbst beim Laufen beobachten, bemerken sie, wie sie mit ihren Armen um ihren Ich-Punkt »herumfuchteln« und sich energetisch blockieren. Die Gestik meines laufenden Körpers zeigt mir, daß ich mir nicht wirklich erlaube, meinen Lebensraum vollständig zu betreten. Die Gebärden später im Gruppenkreis haben häufig Bezug zum Bewegungsausdruck und -empfinden während des Laufens. Der Wandlungsprozess, der Wechsel in neue Gebärden hinein, wird durch den geschützten Raum der Gruppe ermöglicht, in dem die Gruppenteilnehmer dann ihre erweiterte Handlungskompetenz ausprobieren können, um im Alltag mit dieser neuen Erfahrung selbstsicher ihre Wege zu gehen.

Bei meiner Laufbegleitung achte ich neben Körperha1tungen, die bereits zeigen, wo jemand »zu« ist, sich klein macht oder verstecken möchte, vor allem auf energetische Aspekte. Es gibt z.B. Menschen, die sich und dem gegenwärtigen Leben ständig davonlaufen, mit ihrem Atem gar nicht mehr nachkommen und nicht bemerken, was im Moment geschieht und wie destruktiv sie mit sich umgehen. Diese Menschen haben ständig Vorstellungen und Visionen im Kopf, denen sie ihr Leben lang hinterherlaufen, ohne sie je ins Leben integrieren zu können. Sie nehmen nicht wirklich wahr, wo sie im Leben stehen. Sie sind überall und nirgends, nur nicht bei sich. Andere schneiden sich energetisch permanent den Weg ab und verschließen ihr Herz, sichtbar an ihrer Armführung, die nicht nach vorne, sondern seitlich quer über den Oberkörper führt. Das wirkt sich blockierend aus, denn die Beine wollen nach vorne, die Arme dagegen strangulieren – übertrieben ausgedrückt – den Oberkörper. Ich benötige einen enormen Krafteinsatz der Beine, um überhaupt vom Fleck zu kommen. Mache ich darauf aufmerksam, finden sich häufig Entsprechungen zu beruflichen und/oder privaten Lebenssituationen, die dann therapeutisch bearbeitet werden können. Beim Laufen kann jeder selbst erspüren lernen, wie man körperliche und seelische Blockaden aus dem Totstellreflex befreit und kraft der heutigen individuellen Möglichkeiten wieder belebt.

In Ihren Seminaren »Jogging für die See1e« begegnen sich fremde Menschen, Sportler und Nicht-Sportler. Welche Rolle spielt die Gruppe für den Einzelnen und die eigene Lauferfahrung?

Der Wechsel zwischen Individuellem und Gruppe fordert und fördert die Wachsamkeit und Verantwortung im Umgang mit sich selbst und mit den anderen. Durch die Konfrontation mit ihren persönlichen Ressourcen und Stärken, die die Teilnehmer durch den Therapeuten und die anderen Gruppenteilnehmer erfahren, finden sie zu neuen Handlungsmustern und werden immer mehr zum Therapeuten ihrer selbst. Das tragende und wachstumsfördernde Element der Gruppe ist dabei das ehrliche Erkennen und Stützen in gegenseitiger Resonanz. Jeder kann von der neuen Bewältigungskompetenz der anderen lernen und in ihrem Spiegel seine eigenen Bewegungsmöglichkeiten weiter differenzieren.

Wie sind Ihre Workshops aufgebaut?

Wir beginnen morgens vor dem Frühstück mit einem 60- bis 90-minütigem Bewegungsprogramm, in dem es darum geht, den Körper in all seinen Facetten zu spüren und zu öffnen. Hier arbeite ich sehr viel mit Elementen der Eutonie, auch mit meditativen Momenten. Es kommt vor allem darauf an, meine Grenzen und Möglichkeiten im Augenblick zu spüren und zu erleben, was auf dem Weg der von innen heraus initiierten Bewegung passiert. Dann geht es um gemeinsame Bewegungserfahrungen mit einem Partner. Wie wirkt dieser Mensch bzw. das Andere auf mich? Welche Gefühle, Bilder und Erinnerungen werden durch mein Gegenüber ausgelöst?

Um die Mittagszeit herum gestalte ich das Laufprogramm, das aus einem dynamischen Wechsel von Belastung und aktiver Erholungspause besteht. Aktiv insofern, als wir neben Gymnastik und Dehnen viele Übungen zu zweit machen, die mit Tragen und Getragen werden zu tun haben. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf das seelische Fallenlassen im therapeutischen Prozess.

Am Nachmittag und evtl. auch am Abend nach dem Abendessen arbeite ich mit Elementen aus der Tanztherapie, Gestaltarbeit und der psychoenergetischen Kreisarbeit nach Peter Schellenbaum. Dabei folge ich dem Fluss der Gruppe, das heißt, dass eine Erfahrungssequenz von einer bis zu vier Stunden dauern kann. Ich lehne es ab, mich bei dieser Arbeit in vorher festgelegte Zeiträume zwängen zu lassen, denn es geht hier darum, geschehen zu lassen, zu lernen, auf meiner Spur zu bleiben, sie auch aushalten zu lernen, wenn sie unangenehm ist, oder sie wirklich auszukosten, wenn sie mich selig macht. Das geht nicht, wenn ich ein Zeitprogramm im Kopf habe.

Durch Joggen hat jeder die Möglichkeit, die Erfahrungen dieses Workshops im Alltag lebendig zu halten und auszuweiten. Welche Langzeiterfahrungen haben Sie und Ihre Klienten daraus gewonnen?

Die Klienten halten im Alltag viel früher inne, wenn etwas in ihrem Leben nicht mehr im Fluss ist. Sie merken viel schneller, wenn etwas nicht mehr stimmt und verfallen weniger in Lähmung oder Erstarrung. Viele behalten das Laufen bei, weil es ihnen einfach gut tut. Sie haben gelernt, wie sie auf ganz natürliche und einfache Weise besser für sich sorgen können, indem sie Laufrhythmus, -geschwindigkeit und -dynamik ihren gegenwärtigen Bedingungen optimal anpassen. Sie nehmen diese Erfahrung in ihren oft komplizierten Beziehungs- und Berufsalltag mit hinein. Viele Gruppenteilnehmer machen im Anschluss an die Woche einzeltherapeutisch weiter, um das Erfahrene besser in den Alltag integrieren zu können.

Das Gespräch führte Maren Orlowski

Quelle:

  • Reinhard Dölle (2004)
  • Laufen als Therapie
  • In: Harald Krämer/Klaus Zobel/Werner Irro (Hrsg.)
  • Marathon – Ein Laufbuch in 42,195 Kapiteln
  • Göttingen: Verlag Die Werkstatt